Der rote Faden: Rezepte

Viele Schreiber verirren sich in ihren eigenen Gedanken. Sie stehen vor einem Wühltisch vermischter Ideen und finden keinen Anfang. So entstehen konfuse Texte, die ihre Leser im Regen stehen lassen.

Wir bringen Sie ins Trockene.

Durchblick mit Spitzbube

Seit kurzem brauche ich eine spezielle Arbeitsplatzbrille. Mit der kann ich stundenlang vor dem Bildschirm hocken (und Texte wie diesen aushecken), ohne zu ermüden. Die Brille funktioniert so tipptopp, dass ich sie bei der Arbeit kaum bemerke.

Aber sie ist auch ein Spitzbube. Manchmal versteckt sie sich in Jackentaschen oder unter Papierstapeln; alles nur, damit ich merke, wie arg es ohne sie ist.

Mit dem roten Faden ist es genauso. Wenn er da ist, fällt er uns nicht auf. Aber wehe er fehlt: dann wird das Lesen eine Plackerei.

Wo der rote Faden fehlt, fehlt meist auch ein klarer Gedanke. Wer planlos drauflosschreibt, verwirrt seine Leser. Daher ist erste Bürgerpflicht: Vor dem Schreiben den wichtigsten Kerngedanken ins Auge fassen. Den formulieren Sie in einem verständlichen Satz. Und während Sie schreiben, schielen Sie immer mal auf Ihren Kerngedankensatz und fragen sich: Bin ich noch auf Kurs?

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Die Antwort wird nicht immer eindeutig sein. Planen Sie Ihren Text wie einen Stadtspaziergang mit Besuchern aus dem Ausland. Die müssen nicht jeden Baum mit Vornamen kennen. Aber die wichtigsten Sehenswürdigkeiten sollten Sie ihnen schon zeigen: Ihren alten Schulweg, Ihre Lieblingskneipe und das Café mit dem besten Schoggikuchen passen bestimmt noch ins Programm.

Originelles in vertrauten Mustern

Jetzt denken Sie: Das ist ja ganz nett – aber meine Texte sind umfangreicher. Die lassen sich nicht auf einen Kerngedanken zusammenschrumpfen. Da wird ein Gedankengang Schritt für Schritt entwickelt.

Gut, dass Sie das ansprechen. Dazu wollte ich auch gerade kommen.

Wenn Ihr Thema vielschichtig ist, müssen Sie Ihre Argumente so ordnen, dass Ihr Leser sich nicht verläuft. Sonst fragt er sich:

  • Was hat dieser Gedanke mit dem letzten zu tun?
  • Was ist von diesem Text zu erwarten?
  • Was kommt als Nächstes?
  • Was ist hier wichtig?

Und weil sich die Antworten nicht mühelos ergeben, wird die Lektüre anstrengend. Der Leser muss viele unverbundene Fakten im Hinterkopf behalten, bevor sich endlich ein Zusammenhang ergibt.

Zum Glück gibt es für diese Sortierarbeit universelle Ordnungsmuster, die jeder moderne Mensch versteht. Wenn Sie diese Muster verwenden, entsteht der rote Faden, der ihre Gedanken zu leicht verständlichen Ketten verbindet.

Aus dem Alltag für den Text

Diese Ordnungsmuster sind nicht für die Schreiberei erfunden worden. Sie sind dem Alltag abgeschaut.

Das bekannteste Muster ist die Kausalität: Auf Ursache folgt Wirkung. Aber wir benutzen ganz selbstverständlich viele weitere Ordnungsmuster. Telefonbücher sind natürlich alphabetisch sortiert und Hierarchie begegnet uns im Beruf, in der Politik und sogar im Verein.

Die vertrauten Muster probieren wir automatisch aus, wenn uns etwas Neues begegnet. Passt ein Muster, fällt das Verstehen leichter.

Diese Ordnungsmuster können Sie für Ihre Texte nutzen:

  • Chronologisch (erst das, dann das; früher, heute, morgen)
  • Alphabetisch (z.B. Personen- oder Ortsregister)
  • Nummeriert (z.B. Checklisten, Arbeitsanweisungen)
  • Verlaufend (vom Vertrauten zum Fremden, vom Einfachen zum Komplizierten, vom Winzigen zum Gigantischen)
  • Kausal (auf Ursache X folgt Wirkung Y)
  • Hierarchisch (Erde, Europa, Schweiz, Basel ...)
  • Induktiv (vom konkreten Beispiel zum abstrakten Prinzip)
  • Deduktiv (vom abstrakten Prinzip zum konkreten Beispiel)

Abwechslung erlaubt

Innerhalb eines längeren Dokuments dürfen Sie zwischen den Ordnungsmustern wechseln: Zum Beispiel in der Einleitung chronologisch gliedern (vom Römischen Recht zum OR), bei der Problembeschreibung kausal (der Klimawandel führt zum Abschmelzen der Gletscher) und bei den Massnahmen hierarchisch argumentieren (Das ist der Plan: 1. ..., 2. ..., 3. ...).

Im Haus, in der Kammer, in der Kommode, die Schachtel.

Gliederungsprobleme stellen sich im Text immer wieder. Für Mikro- und Makrostruktur gelten die gleichen Regeln – nur in unterschiedlichem Massstab. Ein 1000-Seiten-Text muss seine Kapitel nachvollziehbar sortieren und zueinander in Beziehung setzen. Eine klare innere Ordnung ist aber auch für jedes Kapitel, jeden Absatz und jeden Satz wichtig.

Kleine Extravaganzen

Innerhalb eines logischen Abschnittes sollten Sie bei einem Prinzip bleiben und auch die Bewegungsrichtung beibehalten. Will sagen: Gliedern Sie 1–2–3–4– 5–6 und nicht etwa 1–2–3–6–5–4 . Extratouren sind erlaubt, wenn Sie dafür gute Gründe haben. Gerade weil die Struktur nicht 100%ig eingehalten wird, entsteht manchmal ein interessanter Spannungsbogen.

Z.B. indem Sie mit einem Sprung in die Zukunft beginnen und dann zu den Anfängen zurückkehren: Im Jahr 2050 werden drei Viertel der Schweizer Gletscher abgeschmolzen sein. ... Wer den Klimawandel verstehen will, muss etwa 150 Jahre zurückgehen ... (von hier aus chronologisch weiter).

So bringen Sie Ordnung in Ihre Gedanken und Ihr Leser kann sich nicht verlaufen, weil der rote Faden ihn führt.

Grosstante Juliana aus Antwerpen

Aber bei langen Texten gibt es noch ein weiteres Problem. Vielleicht ahnten Sie es schon, als es um den Stadtspaziergang ging.

Als neulich Grosstante Juliana aus Antwerpen zu Besuch war, hat der Stadtspaziergang 2 ½ Stunden gedauert. Da taten Tante Juliana die Füsse so weh, dass sie fast keinen Schoggikuchen mehr essen mochte. Vielleicht wären wir besser nicht die 186 Stufen den Kirchturm hinaufgeklettert.

Was wir daraus für den roten Faden lernen?

Dass es wichtig ist, auch mal einen Punkt zu machen und nicht jeden plausiblen Gedanken in den Text zu lassen.

Wie Sie es schaffen, zwischen entscheidenden Details und entbehrlichem Beiwerk zu unterscheiden; das lesen Sie jetzt.

Was gehört dazu?

Ein gut verständlicher Text hat eine plausible innere Struktur und beschränkt sich auch auf das Wesentliche. Weil Nebenthemen keine Aufmerksamkeit abzweigen, hat der Kerngedanke seinen grossen Auftritt.

Gerade Insider mühen sich, aus der wimmelnden Vielfalt möglicher Inhalte die wichtigsten auszuwählen. Weil sie sich so gut auskennen, scheint ihnen alles wichtig, interessant und unentbehrlich.

Wenn Ihr Auftrag ist, eine umfassende Enzyklopädie über Ihr Thema zu schreiben, dürfen Sie natürlich bis ins letzte Detail gehen. Aber was machen Sie, wenn Ihr Text auf eine Postkarte passen muss?

Dann halten Sie sich an den folgenden Tipp:

Die Flughöhe wechseln

Betrachten Sie das Thema zuerst von ganz weit oben. Dann verschwinden kleine Details. Flüsse, Gebirgszüge und grosse Bauwerke bleiben aber erkennbar. Der Blick von oben hilft, die Hauptsachen von den entbehrlichen Details zu trennen.

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 Beispiel: Marilyn Monroe:

  • Aus 1000 m Höhe:
    Marilyn Monroe war Schauspielerin.
  • Aus 500 m Höhe:
    Marilyn Monroe war eine berühmte amerikanische Schauspielerin des 20. Jahrhunderts.
  • Aus 300 m Höhe:
    Marilyn Monroe war eine berühmte amerikanische Schauspielerin des 20. Jahrhunderts und verkörperte in vielen Filmen den Archetyp der naiven lasziven Blondine.
  • (Wir überspringen ein paar Stufen)
  • Aus 10 m Höhe:
    Marilyn Monroe war das ungewollte Kind der Filmcutterin Gladys Pearl Baker, geborene Monroe. Ihr Vater war vermutlich Charles Stanley Gifford ...

So können Sie jedes Thema auf die passende Länge bringen, indem Sie einfach die Flughöhe ändern.

Und zum Dank für Ihre Aufmerksamkeit bekommen Sie jetzt noch einen Bonus von mir. Einen richtigen Profitipp, den Journalisten und Schriftsteller dauernd nutzen, den aber die wenigsten Laienschreiber kennen.

Verbinden Sie Ihre Gedanken mit Textscharnieren. Die bringen den roten Faden optimal zur Geltung.

Textscharniere

Stellen Sie sich vor, Sie wandern in unbekanntem Gelände und folgen dem Rundweg mit der blauen Raute. Regelmässig finden Sie das Wegzeichen an Bäumen oder Felsbrocken. Und jedes Mal sagt es Ihnen: «Sie sind auf Kurs.»

Dieses gute Gefühl können Sie auch Ihren Lesern geben. Verbinden Sie inhaltliche Blöcke mit sprachlichen Scharnieren. Oft reicht schon ein Wort, um klar zu machen, wie benachbarte Absätze zusammenhängen.

Die Wiederholung von «Dieses gute Gefühl» zu Beginn des vorangegangenen Absatzes war so ein Textscharnier. Es hat Sie darauf vorbereitet, dass die Wandergeschichte aus dem ersten Absatz den Hintergrund für weitere Argumente bildet.

Aber manchmal sind Textscharniere auch viel unscheinbarer. Ein einfaches «danach», «deshalb» oder «trotzdem» reicht oft schon aus.

Beispiele für Textscharniere

  • Zusammenfassend:
    Dass dieses Modell funktioniert, zeigt ...
    All diese Probleme hatte auch Bern ...
  • Bestätigend:
    Tatsächlich ...
  • Eskalierend:
    Damit nicht genug …
  • Kontrastierend:
    Trotzdem, dennoch, gleichwohl, im Gegensatz dazu, andererseits ...
  • Weiterführend:
    In der Folge / Anschliessend
    Als Reaktion darauf
    Also
  • Verallgemeinernd:
    Bern ist kein Einzelfall ...
    Auch sonst gilt ...

Sie sehen: Roter Faden geht ganz einfach. Wer sorgfältig strukturiert und Textscharniere einsetzt, kann kaum etwas falsch machen.

 Praxistipp: den roten Faden richtig einfädeln

  • Abstand schafft Klarheit
    Beschreiben Sie ein vielschichtiges Thema zuerst aus grosser Flughöhe. Feilen Sie an Auswahl und Reihenfolge der Inhalte. So entwickeln Sie die Grobstruktur.
  • Inhaltsskizze
    Steht die Grobstruktur, können Sie eine Inhaltsskizze machen. Sie besteht aus den Überschriften der einzelnen Kapitel und wenigen Stichworten oder Sätzen darunter, die den Inhalt beschreiben. Wenn Sie die Skizze lesen, entfaltet sich vor Ihrem inneren Horizont die gesamte Geschichte.

Übungsaufgabe für Sie:

Schreiben Sie Ihre Biografie in verschiedenen Variationen:

  1. Ein Satz
  2. Drei Sätze
  3. Zehn Sätze
  4. Als Inhaltsskizze für einen 10 Din A4 Seiten langen Artikel.

 Das Wichtigste im Schnelldurchlauf

  • Der rote Faden macht Ihre Texte verständlich. Das Rezept lautet: Origineller Inhalt in vertrauter Struktur.
  • Je näher Ihr Ordnungsmuster an den Erfahrungswerten Ihrer Leser ist, desto leichter werden sie Ihren Text verstehen.
  • Für die Auswahl des Stoffes ist es nützlich, die Flughöhe zu vergrössern und eine Inhaltsskizze anzufertigen.
  • Textscharniere machen die innere Struktur Ihres Textes nachvollziehbar und erleichtern das Verständnis.

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Und hier ist die Liste aller Artikel über guten Schreibstil

Verständliche Fachtexte schreiben: So liebts Ihr Leser  [Speziell für Ingenieure, Mikrobiologen, Ärzte, Softwareentwickler, Finanzplaner, Steuerberater und Soziologen: So bringen Sie Ihr Wissen verständlich aufs Papier.]

Bewerbungen, die begeistern: So kommen Sie ins Vorstellungsgespräch  [Die jungen Überflieger sind überall begehrt. Aber Charakterköpfe mit Lebenserfahrung werden oft frühzeitig aussortiert. Das lassen wir nicht zu.]

Der rote Faden: Rezepte [Wo der rote Faden fehlt, ist das Lesen eine Plackerei. Wer viel weiss, hat oft die grösste Mühe. Wir lotsen Sie durch schwieriges Gelände.]

Das treffende Wort: Reparaturanleitung für lahme Texte [Gute Texte brauchen rassige Wörter mit Strahlkraft und Aroma. Wie Sie die finden (und von den laschen Verliererwörtern unterscheiden) erklärt dieser Artikel.]

Texte, die zünden: Wie das Unmögliche möglich wird [Klug, gut gemeint, hilfreich: Das reicht nicht. Damit ein Text zündet, muss jedes Detail stimmen. Hier wird’s erklärt.]

So geht spannend: 8 Tipps von Autor Peter Höner [Krimiautor Peter Höner erklärt Ihnen die 8 Methoden, um Spannung zu erzeugen und bis zum Höhepunkt am Lodern zu halten.]

Briefe für den Mülleimer: Machen Sies besser [Was unterscheidet einen gelungenen Werbebrief von hilfloser Reklame? Wir erklären es an einem echten Beispiel.]

So schreibt man heute: die wichtigen Kleinigkeiten für Ihre Korrespondenz [Zeitgemässer Briefstil läuft anders als vor 20 Jahren. Wir erklären den modernen Standard.]

Was Sie von Mark Twain über Adjektive lernen können [Das wissen nur wenige: Adjektive sind Textverschlimmerer. Die meisten sollte man ersatzlos streichen; dann sind die restlichen ein Gewinn.]

Konkret und bildhaft schreiben – so gehts  [So wird aus Buchstabensuppe grosses Kopfkino: Wenn Sie die Leser auf Ihre Reise mitnehmen, statt nur darüber zu berichten.]

Anschaulich Schreiben – 8 Tipps für Kopfkino und fesselnde Geschichten [Asta Nielsen war die berühmteste Diva des Stummfilms. Sie hatte keine Worte. Die Kraft der Bilder musste genügen. Von ihr können Sie überraschend viel für spannende Texte lernen.]

Ausserdem: Wenn Sie Fehler in Rechtschreibung und Grammatik suchen, haben wir hier die gleiche Übersicht zum Thema «Korrekte Texte». Und hier ist unsere Übersicht mit allen Artikeln über Online-Marketing.

Zu guter Letzt: Schreiben Sie doch bitte einen Kommentar (das freut den Autor) und teilen Sie diesen Artikel auf Facebook, Twitter und Co.

Danke.

wiemeyer matthias rund

 

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer