Das lob der verben

Das Lob der Verben: 16 gute Gründe, die Verben zu lieben

Als ich ein Kind war, hatte ich eine Lieblingssendung: Die Lach- und Sachgeschichten mit der Maus. Dort konnte man in Fabriken für Kugelschreiber, Streichhölzer oder Taschenmesser schauen.

In den Erklärfilmen der Maus war ständig Bewegung.

Gabelstapler flitzten durch die Hallen, Schmiedehämmer sausten auf glühendes Metall und Heerscharen von Zwischenprodukten marschierten auf Förderbändern von Station zu Station. So wurden die Geschichten hinter alltäglichen Produkten lebendig.

Lebendig – das müssen Sie sich merken, wenn Sie Texte schreiben wollen, denen Ihre Leser entgegenfiebern.

Im Land der Verben

Das Lebendige an Ihren Texten wohnt im Land der Verben. Der Tuwörter, wie wir sie in der Primarschule nannten. Weil sie beschreiben, wie das Hackebeil auf die Holzscheite kracht, ein Kätzchen sich die Pfoten leckt oder das Herz für eine Idee entflammt.

Das wollen wir lesen.

Die Bewegung reisst uns mit. Und wenn wir einmal angefangen haben, der Geschichte hinterherzuspringen, wollen wir auch das Ende hören. Darum heisst das Grundrezept:

Nutzen Sie jede Chance für ein starkes Verb.

Solche Chancen treibt Ihnen zum Beispiel der Nominalstil vor die Flinte. Vor dieser stilistischen Entgleisung warnen alle Sprachratgeber. So kann der Eindruck entstehen, Verben und Nomen (die früher den stolzen Namen «Hauptwörter» führten) seien wie Licht und Schatten guter Texte.

Das ist natürlich viel zu einfach gedacht. Nicht alle Verben lassen Ihre Texte strahlen und beileibe nicht alle Nomen drücken sie ins Dunkel.

Das Gift für Ihre Texte sind nicht die Nomen, sondern die steifen Nominalkonstruktionen, die wir jetzt einer genauen Überprüfung unterziehen. (Hoppla: Das ist ja eine Nominalkonstruktion.)

Nominalkonstruktionen ersetzen

Nominalkonstruktionen sind oft sprachliches Imponiergehabe. Wer sie benutzt, gibt einer Charakterschwäche Raum, gegen die anzukämpfen lohnend wäre.

Schreiben ist schliesslich Dienst am Leser. Da stört der Geltungsdrang eines Schreibers, dem es nicht genügt, eine klare Einsicht in schlichte Worte zu setzen; der nicht fragen kann, sondern in Frage stellen muss, nicht nachdenkt, sondern in Erwägung zieht und nicht zweifelt, sondern von Zweifeln geplagt ist.

Solche Konstruktionen schaden Ihren Texten – wie alles, was ein Autor tut, um besonders gescheit, wichtig oder machtvoll zu wirken.

Gute Schreiber trauen ihren Lesern etwas zu. Auch den Verstand, einen gescheiten Text zu erkennen, der in einfache Worte gesetzt ist.

Es ist nur allzu menschlich, wenn Ihnen ab und zu eine Nominalkonstruktion in Ihren Text rutscht. Die ersetzen Sie im zweiten Durchgang einfach durch ein Verb.

Wenn der Nominalstil passt

In seltenen Sonderfällen kann auch der Nominalstil passender sein. Wenn Sie besonders emotionslos, kühl und distanziert schreiben möchten, ist die provozierende Kraft der Verben zu viel. Dann darf mal der Nominalstil ran.

Ein Anwalt, der die Position der Gegenseite beschreibt, wird vielleicht den Nominalstil wählen:

«Vom Staatsanwalt wird meinem Mandanten die Entwendung einiger Brotlaibe vorgeworfen.»

Aber er will ja mildernde Umstände, weil sein Mandant ein armer Schlucker ist. Jetzt packt er die Verben aus:

«Stellen Sie sich das einmal vor: Die Kinder hocken am Frühstückstisch und er findet keine Scheibe Brot im Haus. Seit Wochen friert die Familie. Die Kinder behalten die Mäntel an, wenn sie von der Schule heimkommen. Machtlos zuzusehen, wie seine Kinder Hunger leiden – das bringt ihn um den Verstand. »

Ach, wer hätte kein Mitleid mit dem verzweifelten Vater. Ich sehe den Richter vor mir, wie er dem Pechvogel nach der Verhandlung ein 20er-Nötli zusteckt und sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischt.

Das schaffen nur Verben. Trotzdem: Die Verben sind in Gefahr. Der Nominalstil will ihnen an den Kragen. Er hält Hof in Amtsstuben und Kanzleien, wo graue Männlein Dienstanweisungen, Gesetzesvorlagen oder Musterverträge drechseln und kaum jemals ein Verb in die Finger nehmen.

Sie wissen es nicht besser. Sie berauschen sich an der erhabenen Kühle ihrer Kopfgeburten. Sie gratulieren sich zu ihrem Technokratenjargon, der einschüchtert, verwirrt und Leser plagt. Sie ahnen nicht, dass im Jenseits ein besonderes Fegefeuer für sie brennt, wo sie tausend Jahre lang ihre eigenen Texte lesen müssen.

Schwulst verdrängt Verben

Halten Sie dagegen. Werfen Sie den Nominalstil aus Ihren Texten. Suchen Sie nach Chancen, ein Verb zu verwenden, wo Ihnen sonst ein Nomen einfallen würde. Besonders ärgerlich ist es, wenn schöne Verben von schwülstigen Sprachmarotten verdrängt werden:

Beispiele:

in Anspruch nehmen

brauchen, verwenden, benutzen

dem Bedauern Ausdruck

bedauern, trauern,

verleihen

mitleiden

in Angriff nehmen

anfangen, beginnen

Die schwachen Verben meiden

Damit das gut klappt, müssen Sie nur noch lernen, die Finger von den schwachen Verben zu lassen. Das kommt jetzt.

Tipp:            Die meisten Texte gewinnen, wenn Sie den kraftvollen Verben mehr Raum geben. Suchen Sie in zwei Richtungen: Ersetzen Sie schwache Nominalkonstruktionen und tauschen Sie blasse Verben durch kräftige aus.

 

Aufgabe: Nutzen Sie Ihre Chance für ein starkes Verb.

Mitteilung machen

 

in Entstehung begriffen

 

ein Vorbild nehmen an

 

zum Ausdruck bringen

 

zum Einsatz kommen

 

zum Erfolg verhelfen

 

zur Anwendung kommen

 

im Blick behalten

 

Modalverben sparen

Es gibt Verben, die für sich genommen wenig bedeuten und meist nur den Klang einer Aussage modulieren – so wie die Pedale eines Klaviers den Klang der Töne verändern.

Modalverben nehmen dem Text seine scharfen Kanten. Sie relativieren und klingen höflich, aber auch unverbindlich.

Höflich und unverbindlich kann mit langweilig zusammenfallen.

Das ist das Problem.

Die Modalverben sind: können, dürfen, mögen, sollen, müssen, wollen.

Besser als ihr Ruf

Die meisten Sprachlehrer jagen sie einfach zum Teufel. Ich meine: Sie haben ihre Glanzstunden. Dann geben sie Ihrer Aussage genau den Schubs, den sie braucht, um exakt zu passen:

  • Man wird ja wohl noch fragen dürfen ...
  • Jetzt soll es aber genug sein ...
  • Das mag ja stimmen ...

Akzeptabel sind sie auch, wo sie notwendig sind:

  • Peter kann treffend formulieren (hat diese Fähigkeit) oder
  • Petra darf jetzt Auto fahren (hat den Führerschein gemacht)

Diese Aussagen wären ohne Modalverben unvollständig. Solche Sätze gehen in Ordnung.

Starke Alternativen

Meisterwerke sind sie nicht. Wenn der Rahmen passt, sagen Sie es deftiger:

  • Peter nagelt den Kern der Sache.
  • Petra strahlt: Prüfung bestanden. Jetzt gehts los.

Die meisten Schreiber benutzen zu viele Modalverben –  als Flickschusterei an misslungenen Sätzen, die den rechten Ton verfehlen. So enden ihre Texte als konturloses Gelaber.

60% aller Modalverben sind überflüssig. Oft kommen sie in gängigen Floskeln vor: «Wie kann ich Ihnen helfen?» oder  «Was darf es heute sein?»

Gute Schreiber meiden Floskeln aller Art. Sie verzichten auf Modalverben als Weichmacher und schreiben gleich so sympathisch und höflich, dass das Modalverb überflüssig ist.  

Modalverben weichen Ihre Texte auf. Der vermeintlich höflichere Ausdruck kann diesen Nachteil nicht ausgleichen, weil er über den Rang belangloser Floskeln nicht hinauskommt.

Sehr häufig schmuggeln sich Modalverben ungeplant in Ihren Text. Weil Sie noch nicht zu Ende gedacht haben, in Eile sind oder zweifeln. Aus Angst, einen Fehler zu machen, modulieren Sie sich ins Ungefähre: «Wir haben die Maschine überprüft und jetzt sollte sie wieder funktionieren.»

So verspielen Sie das Vertrauen Ihrer Leser. Ihr Text verschwimmt ins Nebulöse. Streichen Sie die meisten Modalverben. Lassen Sie nur die übrig, deren modulierende Wirkung Sie dringend brauchen.

 Tipp:           Stellen Sie jedes Modalverb auf die Probe: Streichen Sie es provisorisch und prüfen Sie, ob der Text ohne besser klingt. Nicht selten offenbart dieses Verfahren, wo Sie noch bessere Argumente brauchen. Unscharfe Gedanken tarnen sich gern mit Modalverben.


Aufgabe:
Formulieren Sie höflich, aber ohne Modalverb.

Können Sie uns bitte mitteilen, ob Sie unsere Einladung annehmen werden?

 

Dürfen wir Sie auf unser einmaliges Willkommensangebot hinweisen?

 

Wir möchten unseren Dank für Ihre grosszügige Spende zum Ausdruck bringen.

 

Sollten Sie noch Fragen haben, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

 

Für weitere Informationen müssen Sie mit einem Fachmann sprechen

 

Wollen Sie bitte so gut sein und uns Ihre voraussichtliche Ankunftszeit mitteilen?

 

Verben erster und zweiter Klasse

Unter den Verben, auch denen, die keine Modalverben sind, finden sich Verben zweiter Klasse und die Königsverben, die Ihre Texte adeln.

Die armseligen Verben zweiter Klasse, das sind die Allerweltsverben, die alles und nichts bedeuten können.

Die strahlenden Königsverben

Die Königsverben sind die Charakterköpfe, Sonderlinge und Einzelgänger unter den Verben, die einem kaum in den Sinn kommen, weil die Alltagssprache sie so selten aus der Vitrine nimmt. Hören Sie selbst:

  • Peter war im Wohnzimmer.
  • Peter lief im Wohnzimmer herum.
  • Peter wieselte in der Stube umher.

Verben, die Aktion und Bewegung ausdrücken, interessante Bilder malen, kurz und knackig sind – das sind die Königsverben.

Und zu Kaiserverben steigen sie auf, wenn sie etwas abseits des alltäglichen Sprachgebrauchs ihren Dienst versehen*) und einem klangvollen Nomen die Hand reichen.

*) Haben Sie’s bemerkt? Das war wieder eine Nominalkonstruktion. Aber diese plustert sich nicht auf, sondern würzt den Text mit einer Prise Schalk. Das darf.

Blass um die Nase: haben und sein

Die Verben «haben» und «sein» sind besonders schwache Vertreter ihrer Zunft.

«Haben» bedeutet einerseits «besitzen». Wie in: «Peter hat ein Auto.» Es ist aber auch ein Hilfsverb, zum Bilden der Vergangenheitsformen: «Peter hat das Auto nicht gesehen.»

Ähnlich ist es mit dem Verb/Hilfsverb «sein», das als Verb Eigenschaften oder Orte zuweist (ich bin ein Mann, ich bin müde, ich bin im Keller) und als Hilfsverb andere Verben in Form bringt (ich bin gegangen, ich werde gehen).

Dass die Hilfsverben blass sind, ist für die Zeitenbildung natürlich ein Segen. Sie sollen ja nur die Zeitebene markieren, dem Verb aber keine fremde Bedeutung aufdrücken. So wie ein Butler sich nicht in die Gespräche einmischt, sondern vornehm im Hintergrund bleibt.

Wo Hilfsverben als Verben aushelfen, ist ihre Zurückhaltung Schwäche.

Statt «Peter hat Ferien» schreiben Sie lieber «Peter geniesst seine Ferien». Und statt «Hans ist fleissig» schreiben Sie «Hans schwingt den Besen» oder «Hans mäht den Rasen».

 Merke:      «Haben» und «sein» sollten Sie nur als Hilfsverben verwenden und für die anderen Bedeutungen treffende Alternativen suchen.

Wenig Saft: die Kategorienwörter

Kraftlos klingen auch Verben, die eher Kategorien bilden, als ein Geschehen anschaulich zu machen (gehen, sitzen, essen, trinken). Sie benennen abstrakt einen alltäglichen Vorgang. Es gibt aber viele anschauliche Alternativen, die lebhafter sagen, was geschieht (rennen, herumlungern, knabbern, saufen).

Auch bei den Verben gilt, wie immer: Mit Anlauf ist alles erlaubt.

Wenn Sie Modalverben, Allerweltsverben oder Hilfsverben aus gutem Grund verwenden, ist alles in bester Ordnung. Es gibt die Momente, in denen Sie das Tempo verlangsamen, die Debatte versachlichen und die Schärfe zurücknehmen möchten. Da können die schwachen Verben (die meist den Vorteil haben, kurz zu sein) eine gute Figur machen.

Aufgabe: Suchen Sie anschauliche und farbige Verben:

sehen

 

stehen

 

liegen

 

hören

 

arbeiten

 

machen

 

tun

 

haben

 

sein

 

Verben: Das Wichtigste im Schnelldurchlauf

Gehen Sie mit dem Flohkamm durch Ihre Texte und nutzen Sie jede Chance, ein kurzes, frisches, bewegendes Verb zu verwenden. Am besten eins, das leicht verstanden wird, aber noch nicht abgenutzt ist.

Es braucht Übung, lohnt sich aber, für die gängigen Alltagsverben unverbrauchte Alternativen zu suchen oder sie in einem Kontext zu verwenden, wo sie frischen Glanz bekommen.

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wiemeyer matthias rund

 

Herzliche Grüsse
Matthias Wiemeyer